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Kreuzband gerissen ! Operation oder konservative Behandlung?

Um eine grundlegende und oft gestellte Frage bereits vorweg zu beantworten: Ein Kreuzbandriss stellt im juristischen Sinne keine absolute OP-Indikation dar, sondern ist immer ein Wahleingriff (Elektiveingriff).

Natürlich sollte jeder Patient diese Entscheidung für oder gegen eine operative Behandlung nach Abwägung aller Faktoren mit seinem behandelnden Arzt treffen. Um für sich jedoch eine vernünftige Entscheidung treffen zu können, muss man zum einen wissen, welche Risiken – aber auch welchen Nutzen – eine operative (arthroskopische) Versorgung einer Kreuzbandruptur mit sich bringt und insbesondere auch welche verschiedene operativen Möglichkeiten es in der heutigen Medizin gibt.

In den vergangenen Artikeln wurde bereits die Anatomie, Funktion und die besondere Bedeutung der beiden Kreuzbänder im Kniegelenk erläutert. Die Kreuzbänder spielen – wie bereits geschrieben – eine zentrale Rolle in der Führung und Stabilisierung des Kniegelenks.

Kreuzband gerissen 01Ist ein Kreuzband gerissen (insuffizient) entsteht der bereits beschriebene pathologische Tibiavorschub (Vorschub des Schienbeins gegenüber seinem Gelenkpartner Oberschenkel). Dadurch werden andere Kniebinnenstrukturen (wie z.B. andere Bänder, aber auch Menisken, Knorpelstrukuren, Gelenkkapsel) um ein Vielfaches mehr beansprucht – und überlastet. Insbesondere der Knorpel ist stark gefährdet. Durch einen frühzeitigen Verschleiß ist das Arthroserisiko stark erhöht.

Viele Patienten fragen sich dann, ob man das gerissene insuffiziente Kreuzband nicht durch einen intensiven Muskelaufbau der kniestabilisierenden Muskelgruppen „ersetzen“ könnte. Bedenkt man unter anderem, dass in Deutschland statistisch gesehen alle sechseinhalb Minuten ein Kreuzband reißt, lässt sich diese Frage leider mit „Nein“ beantworten. Nicht nur Amateurfußballer, andere Hobbysportler und „untrainierte Durchschnittsbürger“ sind von Kreuzbandrissen betroffen – nein, auch Profisportler, die ein professionelles Trainingsprogramm mit dem Ziel der Koordination und Stabilisation genießen erleiden Kreuzbandrupturen. 

Mit effektivem Muskelaufbau und gezieltem Training lassen sich Kreuzbandrisse zwar vorbeugen (Prävention), aber Kreuzbänder nicht ersetzen. Das liegt mit daran, dass die ischiocrurale Muskulatur in (Fast-)Streckung des Kniegelenks (z.B. beim abrupten Stoppen im Sport) verlängert sind, und sich dadurch ein Zusammenziehen der Muskeln (zum Schutze des vorderen Kreuzbandes) erschwert wird.

! Auch ein sehr gut trainierte Muskulatur ist nicht in der Lage, das Kniegelenk derartig zu schützen und zu stabilisieren wie bei vorhandenem suffizienten Kreuzband!

Entscheidet man sich für einen operativen Eingriff, sollte man wissen, dass es hier sehr große Unterschiede gibt.

Zuerst sollte man wissen, was bei einer Kreuzbandersatzplastik erfolgt:

Das gerissene Kreuzband durch eine (in den meisten Fällen) körpereigene Sehne ersetzt. Hierbei stehen dem Operateur drei zur Verfügung

  1. Die Hamstrings
  2. Das mittlere Drittel der Quadrizepssehne
  3. Das mittlere Drittel der Patellarsehne

Die Hamstrings gehören als Teil der hinteren (ischiocruralen) Oberschenkelmuskulatur zu dem Knie-Beuge-Apparat. Als Kreuzbandtransplantat wird in diesem Fall die Sehne des musculus semitendinosus (Halbsehnenmuskel) und zusätzlich (bei zu geringer Dicke) die Sehne des musculus grazillis verwendet. Diese Sehnen finden vorne am Schienbein (tibia) am sogenannten Pes Anserinus. Sie sind durch einen kleinen Hautschnitt über diesem leicht und diskret (Der Hautschnitt über dem Pes Anserinus ist zum Bohren/Fräsen des Tibiakanals sowieso notwendig)

Zu 2: Die Sehne des musculus quadrizeps femoris gehört im Gegensatz zu dem Hamstrings zum Streckapparat des Knies. Sie befindet sich oberhalb des Knies. Die Kniescheibe (Patella) ist in ihr „eingebettet“. Es wird lediglich das mittlere Drittel verwendet, welches man mit oder ohne Knochenblock aus der Patella entnehmen kann (abhängig vom weiteren operativen Verfahren).

Zu 3. Die Patellarsehne befindet sich unterhalb des Kniegelenks und geht oberhalb diesem in die Quadrizepssehne über. Als Verlängerung dieser gehört sie demnach auch zum Streckapparat des Knies. 

Es wird ebenfalls nur das mittlere Drittel entnommen, wobei man dieser hier bei Bedarf mit zwei Knochenblöcken verwenden kann.

Komplikationen nach dieser Transplantatwahl können jedoch ein anteriorer Knieschmerz und dadurch Probleme beim Hinknien, sowie Schmerzen im Bereich der vorderen Narben sein.

Alle drei Sehnen eignen sich gleichermaßen für eine Kreuzbandersatzplastik. Im Follow Up sind die Ergebnisse nach einem Jahr nahezu gleich. Die Hamstrings sind das aktuell meist verwendete Autograft.

Ein weitaus wichtigere und entscheidende Rolle komm im Vergleich zur Transplantatwahl der Wahl der Fixation (Kreuzbandbefestigung) zu. Hierbei unterteilt man zum einen in fremdmaterialfreie Befestigungsvarianten und denen, bei denen Fremdmaterial (z.B. in Form von Schrauben, Pins und Endobuttons) zum Einsatz kommt. Zum anderen gibt es aber auch die Unterteilung in gelenknahe und gelenkferne Befestigungen.

Viele Ärzte verwenden Titanschrauben oder sogenannte „bioresorbierbaren“ Interferenzschrauben. Letztere sollen sich nach einer gewissen Zeit auflösen. Leider zeigen die Ergebnisse, dass in sehr häufigen Fällen dies nicht der Fall ist. Die Schrauben werden parallel zum Band eingedreht und sollen dies dadurch befestigen.

Manche verwenden statt Schrauben sogenannte „Endobuttons“. Die Buttons befinden sich im Gegensatz zu den Schrauben nicht in den Bohrkanälen sondern außerhalb am Knochen. Dadurch spricht man hier von einer gelenkfernen Fixation. Eine Komplikation hierbei kann z.B. sein, dass der Endobutton an einer falschen Stelle „flippt“ und man dann von außen durch einen Hautschnitt das revidieren müsste.

Andere kombinieren Schrauben und Endotbuttons, bei denen die Kreuzbandplastik tibial (am Schienbein) mit Schrauben und femoral (am Oberschenkel) mit Buttons befestigt wird.

Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, komplett auf Fremdmaterial zu verzichten – und das Kreuzband mittels einer PressFit-Verankerung mit und in dem eigenen Knochen zu befestigen.

Wie oben bereits genannt, lässt sich das Patellarsehnendrittel bereits mit Knochenblöcken entnehmen. Das heißt, das Patellarsehnenstück wird dann mit seinen anhängenden Knochenzylindern an den Ansatzstellen des gerissenen Kreuzbandes im Knochen verblockt.

Die Vorteile liegen auf der Hand – kein Fremdmaterial, welches z.B. bei einer Re-Ruptur mit darauffolgender Revision wieder entfernt werden müsste. Ebenso wird der Heilungsprozess durch eine direkte Knochen-Knochen-Heilung beschleunigt. Die Knochenblöcke der Patella können direkt in den umliegenden Knochen von Femur und Tibia einwachsen.

Um alle geeigneten autologen Sehnen ohne Fremdmaterial fixieren zu können, und somit enorme Komplikationen zu verhindern, enwickelte Dr. med. Gernot Felmet die ALL PRESS FIT Methode, welche im nächsten Artikel ausführlich dargestellt und beschrieben wird. Neben den eben genannten Vorteilen von fremdmaterialfreiem Operieren, bietet diese Technik noch ganz andere anatomische und biologische Vorteile.


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#45338383 | Kreuzbänder.Knie.Kreuzbanriss | Urheber: Henrie

Tags: kreuzbandplastik, arthroserisiko, arthroskopie, kreuzbandriss, kreuzband-OP